[Interview mit Regisseur Marco Tullio Giordana] [Interview mit Alessio Boni als Matteo Carati]
 
Interview mit Luigi Lo Cascio als Nicola Carati
(Interview: Lorenzo Codelli)
 
... zu Beginn des Films ist Nicola ein junger Student an der medizinischen Fakultät, der sich noch für keine Spezialisierung entschieden hat. Er ist ein lebendiger junger Mann, der gerne mit anderen zusammen ist, um die Schönheit einer sorgenfreien Zeit zu teilen.

Viele Erfahrungen haben ihn zu der großen Liebe zur Psychiatrie gebracht. Nachdem er Giorgia trifft, beginnt Nicola sich mit geistigen Störungen auseinanderzusetzen und erkennt, dass er eine bestimmte Fähigkeit hat, mit dem Leiden in Dialog zu treten – er hat keine Angst vor Leid.

Auf seinem Weg zum Kap Nord kommt er in Kontakt mit einer Kultur, die von seiner eigenen weit entfernt ist, vielleicht noch immer ein bißchen provinziell ist. Er erkennt, wie wichtig es ist, Unterschiede nachzuvollziehen. Hier beginnt er etwas über Anti- Psychiatrie zu erfahren, die existentielle und phänomenologische Philosophie, zusammen mit Jaspers und Heidegger, Sartre und Merleau-Ponty, sowie über das ganze Thema, das zwischen den sechziger und siebziger Jahren aktuell war, der Wiederentdeckung des Körpers. In Italien wird einer seiner Professoren Franco Basaglia sein. Basaglias Theorie wird es ihm ermöglichen, seine Leidenschaft für die Medizin auf die Menschheit in ihrer Gesamtheit auszuweiten. Anti-Psychiatrie hat auch einen politischen Einfluß in seinem Leben,weil sie konkrete Aspekte des gesellschaftlichen Lebens beeinflußt: die psychiatrischen Krankenhäuser. Sowohl Nicola als auch Basaglia gehen auf den Roman ‚Überleben in Auschwitz’ von Primo Levi zurück.

Nicolas Nordstern, der Kompass in seinem Leben, ist sein Glaube, dass es jedem erlaubt sein sollte, den Raum auszuweiten, in dem er Freiheit erleben kann. Im Laufe der Jahrzehnte muß er mit seiner humanistischen Einstellung lernen zu verstehen, dass Freiheit oft gewährleistet ist, indem man ‚Nein’ anstelle von ‚Ja’ sagt; indem man weiß, wie man anderen Grenzen setzt, während man doch mit Liebe handelt.

Verglichen mit der Figur in „I cento passi“ – Peppino Impastato, eine Person, die wirklich existierte – hatte ich in „La meglio gioventú“ kein Modell zum Nachbilden – Nicola ist erfunden. Seine Interpretation wurde erleichtert durch die Beziehung zu den anderen Personen, jenen, die mit ihm Umgang pflegten,während er aufwuchs (Ich hatte auch Schwierigkeiten,mich in die Lage eines ‚alten’ Mannes zu versetzen, weil ich dieses Alter noch nicht erlebt habe).

In der Vorbereitungsphase haben wir alle gemeinsam mit dem Regisseur das Drehbuch mehrere Male gelesen,um seinen dramatischen Kern herauszunehmen und über den allgemeinen Sinn dieser 40 Jahre nachzudenken, die die Personen durchleben. Es war sowohl eine Analyse als auch eine Synthese aller Möglichkeiten, die solch ein breiter Erzählblock bot.
   
Wenn ich arbeite, ziehe ich es vor,Abstand zu meinen Charakteren zu halten. Je mehr man ihnen ähnlich ist, desto schwieriger ist es, das Ergebnis zu steuern. Aber ich glaube, Giordana bemerkte einige Berührungspunkte zwischen mir und Nicola, auch weil ich mehr als zwei Jahre Medizin in Palermo studiert habe, bevor ich mich entschloß, Schauspieler zu werden, und mich an der nationalen Schauspielakademie in Rom einschrieb. Ich wollte auch Psychiater werden,weil viele meiner Familienangehörigen Psychiater waren. Seit ich ein kleines Kind war, ging ich mit meinem Onkel und seinen Patienten zum Stadion, um Fußballspiele zu sehen. Ich spielte sogar Karten mit ihnen im psychiatrischen Krankenhaus. Wir hatten viel Spaß zusammen und ich spürte, wie wichtig es für sie war zu lachen.

Es war auch sehr wichtig, dass die anderen Schauspieler von „La meglio gioventú“ – Alessio Boni, Fabrizio Gifuni, Sonia Bergamasco, Claudio Gioè – meine Freunde waren: wir haben viele Dinge in unserem Leben geteilt und das gestattete es uns, automatisch zu ‚wissen’, wie unsere Körper während des Drehs aufeinander reagierten. Dadurch konnten wir uns auf die Wechselwirkung konzentrieren, die mit jeder Szene einher ging,wobei wir sowohl die Emotionen als auch die Zuneigung, die wirklich existierten, als selbstverständlich annahmen.

Ich glaube auch, dass die Tatsache, dass wir alle vom Theater kamen, dass wir schon so viele Male miteinander gearbeitet hatten, ein ‚Arsenal’ von Bildern aufbaute, das Marco Tullio voll genutzt hat: er ermutigte uns dazu, den Text abzuändern, ihn neu zu erfinden entsprechend unseren Erfahrungen. Das war sehr ermüdend, aber auch sehr amüsant. Manchmal änderte er unseren Text kurz vor den Dreharbeiten und ersetzte ihn durch Teile aus Unterhaltungen, die wir ein paar Tage vorher hatten. Er schaffte es sogar, Text zwischen ‚Fertig’ und ‚Action’ zu ändern!
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Luigi Lo Cascio (Nicola Carati)  
   
Absolvent der Staatlichen Kunsthochschule „Silvio D’Amico“ in Rom (1992). Anschließend zahlreiche Rollen in diversen Theaterstücken („Marguerite Gautier“, „Waiting for Godot“, „Romeo und Julia“, „The Bride of Messina“, „Ager Sanguinis“, „Death of Empedocle“, etc.) Sein Filmdebut war in dem Film „I cento passi“ (Regie Marco Tullio Giordana), der in Italien mit unzähligen Preisen ausgezeichnet wurde. Für seine Darstellung in dem Film „Luce dei miei occhi“ von Giuseppe Piccioni wurde ihm bei den Filmfestspielen in Venedig 2001 der „Volpi Cup“ für de besten Schauspieler verliehen. Weitere Filmrollen: „Il più bel giorno della mia vita“ von Cristina Comencini, „Vito, morte e miracoli“ von Alessandro Piva und „Buongiorno, notte“ von Marco Bellocchio.
   

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